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23.01.13

Genetik für Terrarianer

POSCHADEL, Jens R. & Martin PLATH (2012): Genetik für Terrarianer – Grundlagen und Anwendung. – Natur und Tier - Verlag, Münster, 88 S., 84 Farbfotos, 19 Grafiken, Paperback; ISBN 978-3-86659-198-1, € 24,80

„Du hast doch mal Tierzucht studiert – diese Rezension wäre sicher etwas für dich“, meinte der verantwortliche Redakteur zu mir. Nun ja, das stimmt schon. Nur ist es mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass ich bei einem der renommiertesten deutschsprachigen Genetiker seiner Zeit eifrig Vorlesungen besuchte. Selbst für Prof. Hans Stubbe waren damals wohl Bau und Funktion der Kern-DNA, geschweige einer mitochondrialen DNA Neuland oder gar unbekannt. Heute sollten die Grundlagen der Genetik schon zum Allgemeinwissen eines Abiturienten gehören. Und was weiß der interessierte Terrarianer und Hobbyzüchter, der sich an den unzähligen Farb- und Zeichnungsvarianten seiner Kornnattern, Königspythons oder Leopardgeckos erfreut, über die theoretischen Grundlagen seines Tuns?

Mit dem vorliegenden Werk wollen die kundigen Autoren dem Leser die Genetik erläutern, insbesondere deren Fragestellungen, aktuelle Methoden und Anwendungsmöglichkeiten. Um es vorwegzunehmen: Obwohl die behandelten Komplexe sich vorrangig auf die Terraristik beziehen, kann das Werk meiner Meinung nach sogar als Lehrbuch für Schüler und Studenten generell herangezogen werden! Dazu tragen nicht nur ein allgemein gut verständlicher Stil, sondern auch die in zahlreichen, farblich unterlegten Kästen ausführlich erläuterten Stichworte und nicht zuletzt ein umfangreiches Glossar bei.

Manche Definitionen werden – hoffentlich – dazu beitragen, bisher immer wieder unkorrekt genutzte Ausdrücke zu korrigieren. So wird Geschlechtsdetermination (= Geschlechtsbestimmung) in der Terraristik meist falsch für die Diagnose des Geschlechts eines Individuums benutzt. Auch werden hier Albinismus und Amelanismus als Synonyme hingestellt. Andererseits finde ich weniger glücklich, wenn neben dem Begriff Farbvariante auch vereinzelt Farbmorphe (morphe, griech.: Gestalt, Form) verwendet wird.

Attraktive Farbvarianten werden beispielsweise bei Kornnattern in Wort und Bild vorgestellt. Etwas kurz kommen dagegen Zeichnungsvarianten und deren Kombinationen mit Farbvarianten bei Terrarientieren.

Ganz stehe ich hinter der Meinung der Autoren, die vor dem Verschwinden von Wildtypen nicht nur im Terrarium, sondern auch im Freiland warnen, wenn farbveränderte Exemplare in die Natur gelangen. Sie äußern auch berechtigte ethische Bedenken, wenn Albinovarianten oder andere auf Gendefekten beruhende Veränderungen vermehrt werden. Sie betonen, dass eine genetisch kontrollierte Erhaltungszucht im Freiland seltener oder vom Aussterben bedrohter Reptilienarten weitaus sinnvoller und zeitgerechter wäre, als immer neue Farbvarianten zu kreieren.

Im zweiten Kapitel stehen Besonderheiten der Reptiliengenetik im Vordergrund, wie temperaturabhängige Geschlechtsdetermination oder Parthenogenese sowie Fragen der unzähligen Farbzüchtungen. Und schließlich überraschen die Autoren den Leser sogar mit Themen wie der Entstehung des Lebens auf der Erde, wann das erste Reptil lebte oder der Entstehung der Arten.

Es folgt ein Kapitel mit der Kurzvorstellung von Methoden der Molekulargenetik. Dabei verdeutlichen Fallbeispiele, wie zur Ermittlung der unbekannten Herkunft einzelner Individuen oder der Notwendigkeit der Erhaltungszucht von Tieren gleicher Herkunft, den praktischen Sinn derartiger Studien.

Abschließend folgt ein Blick in die Zukunft der Molekulargenetik zu Fragen künftiger Gentechnik, des Gentransfers, von Genveränderungen in der Natur und letztlich sogar zum Klimawandel. Das Buch endet schließlich in der beinahe philosophischen Frage, ob es überhaupt nicht sinnvoller sei, große Naturräume unter Schutz zu stellen und dem Klimawandel entgegenzuwirken, als eine einzelne bedrohte Tierart unter großem Aufwand zu bewahren.

Dem Leser wird klar, welch großer Bogen sich aus dem Buch mit nur einem kleinen Einblick in eines der wohl spannendsten Felder der modernen Biologie – der Genetik – ergibt. „Genetik für Terrarianer“ gehört in das Bücherregal jedes züchterisch ambitionierten Halters und jedes an diesbezüglichem Hintergrundwissen interessierten Naturfreundes. Auch wenn der Leser das eine oder andere Detail trotzdem nicht „begreift“ – den Versuch war es allemal wert.

Dieter Schmidt

Publiziert in: REPTILIA, 17 (6): 81



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