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05.04.08

Die Schlangen Europas

Von: Guido Kreiner

Kreiner, Guido (2007): Die Schlangen Europas – Alle Arten westlich des Kaukasus. – Chimaira, Frankfurt/Main, 317 S., Hardcover, 345 Farbfotos, 37 Verbreitungskarten, 20 Zeichnungen; ISBN 978-3-89973-457-7; 49,80 €.

Endlich wieder ein aktuelles Bestimmungsbuch über die europäische Schlangenfauna: Knapp 20 Jahre nach Erscheinen des mittlerweile etwas „in die Jahre gekommenen“ Schlangenführers von Ulrich Gruber (1989), war ein solches Kompendium sicher geboten, denn in diesem relativ langen Zeitraum haben sich nicht nur einige Namensänderungen und Gattungsumstellungen ergeben, sondern bei den meisten Arten ist darüber hinaus auch ein beachtlicher Zuwachs an biologischen Kenntnissen zu verzeichnen. Gespannt blättere ich also durch das druckfrische, äußerlich recht ansprechende Werk von Guido Kreiner. Den schwarzen, qualitativ hochwertigen Hardcover-Einband ziert das charakteristische Kopfporträt einer Hornviper, und auch die Druckqualität auf den stabil gebundenen Innenseiten ist gut. Es finden sich über 300 meist hervorragende Bilder sämtlicher Schlangenarten Europas, begleitet von ausführlichen Texten, und das ganze Buch macht einen professionellen Eindruck.

Doch nehmen wir das Kompendium der Schlangen Europas etwas genauer unter die Lupe. Im Vergleich zum älteren „Gruber“, der auch viele Arten der ans Mittelmeer angrenzenden afrikanischen und kleinasiatischen Länder behandelt, beschränkt sich der „Kreiner“ ausschließlich auf die europäischen Schlangen (ohne Russland), was die jeweiligen Untertitel ja bereits anklingen lassen („Die Schlangen Europas und rund ums Mittelmeer“ bzw. „Die Schlangen Europas – Alle Arten westlich des Kaukasus“). Aus diesem Grund liegt die Anzahl der Arten mit 84 im „Gruber“ auch deutlich höher als im „Kreiner“ mit 37 Arten, wobei dessen Informationsfülle pro Art durch die weitaus umfangreicheren Texte (aufgrund des größeren Buchformats und der höheren Seitenzahl) viel größer ist.

Einer der Kritikpunkte am Vorgängerbuch, dass nämlich genauere Verbreitungsangaben fehlen (im „Gruber“ sind lediglich die Namen der Länder aufgelistet, in denen die Art vorkommt), ist bei Guido Kreiner durch mehrfarbige Verbreitungskarten auf ansprechende Weise gelöst. Diesen Karten lassen sich nicht nur die Vorkommen der einzelnen Arten entnehmen, sondern relativ detailliert auch die Verbreitungsgebiete der Unterarten mit eventuellen Übergangszonen (schraffiert). Außerdem, für Praktiker sehr nützlich, sind Höhenstrukturen erkennbar durch dunkle und helle Grüntöne für Tiefland bzw. braune und graue Farbabstufungen für Hochland und die Gebirge. Solch übersichtliche Karten sind für Feldführer generell wünschenswert.

Nach dem Vorwort und einer knappen Einleitung sowie einigen Worten zu Ursprung, Evolution und systematischer Stellung der Schlangen führen die ersten Kapitel des Buchs in die Biologie dieser Reptilien ein. Es beginnt mit kurzen Abschnitten zur Anatomie und zum Giftapparat der Giftschlangen, jeweils durch einige einfache, aber anschauliche Zeichnungen illustriert, gefolgt von Kapiteln über Melanismus, Sinnesorgane, Fortpflanzung, Entwicklung und Wachstum sowie Beutefang, Lebensräume, Überwinterung und Feinde. Anschließend wird noch das Thema „Schlange und Mensch“ angerissen, und zwar unter den Punkten Mythen und Legenden, Schlangengift, Schlangenbisse, Artenschutz und Schlangen im Terrarium. Diese allgemeine Darstellung, auf 40 Seiten komprimiert, bietet eine einfache, insgesamt aber recht gelungene Einführung in die Thematik. Doch liegen die Stärken des Buchs in einem anderen Bereich, nämlich bei den folgenden Artenporträts.

In den Steckbriefen werden mit zahlreichen Bildern auf rund 240 Seiten alle Schlangen Europas vorgestellt. Die Arten sind entsprechend dem üblichen Schema nacheinander angeordnet, also innerhalb der vier Familien Blindschlangen, Riesenschlangen, Nattern und Vipern jeweils alphabetisch, wobei die Zorn- und Kletternattern (also die ehemaligen Arten der Sammelgattungen Coluber und Elaphe, die sich heute teilweise in anderen Gattungen wiederfinden) in der Abfolge zusammenbleiben. Diese bewährte Vorgehensweise ist beim schnellen Durchblättern hilfreich für das Auffinden bestimmter Arten. Besonders erfreulich – und bei Bestimmungsbüchern aus Platzgründen leider nicht immer möglich – ist die Tatsache, dass viele Angaben im Text durch Literaturzitate belegt sind. Dies mag vielleicht an manchen Stellen den Lesefluss behindern, ist aber bei strittigen Themen wichtig.

Auch die Artenporträts selbst sind nach dem alt bewährten Schema aufgebaut, und zwar jeweils entsprechend den Punkten „Merkmale“, „Verbreitung“, „Lebensräume“, „Lebensweise“ und „Literatur“. Unter „Merkmale“ finden sich Längenangaben und detailgenaue Beschreibungen der Beschuppungs- und Zeichnungscharakteristika, aber auch auftretende Variationen und die beschriebenen Unterarten – allein bei der Ringelnatter machen die (teilweise allerdings umstrittenen) Unterarten inklusive Fotos 11 Buchseiten aus. Unter „Verbreitung“ werden die besiedelten Regionen kurz aufgeführt und durch farbige Karten, wie erwähnt, hervorragend illustriert. Unter „Lebensräume“ und „Lebensweise“ finden sich alle weiteren Informationen zur Biologie und Ökologie der Art, und am Ende wird schließlich die relevante Literatur aufgelistet.

Ein wichtiger Bestandteil des Buches ist die hervorragende Bebilderung durch den Autor Guido Kreiner. Viele Jahre verbrachte der ambitionierte Hobbyfotograf seine gesamte Freizeit auf der Suche nach Schlangen in europäischen Gefilden. Nicht nur die daraus resultierenden Porträtfotos der Tiere, auch die exzellenten Bilder ihrer Lebensräume machen Lust auf eigene Feldexkursionen. Ganz wenige Fotos erscheinen etwas unscharf, dunkel oder haben eine geringe Tiefenschärfe; so könnten bei einer Neuauflage z. B. die Abb. 200, 250 oder 374 ausgetauscht werden. Einige fotografische Leckerbissen sind ebenfalls in dem Buch zu finden, z. B. kopulierende Hornottern oder ein ungewöhnlicher Paarungsbiss der Schlingnatter, bei dem der Eindruck entsteht, das kleinere Männchen würde das Weibchen verschlingen. Selbst für Freunde von Farbvarianten ist ein spektakuläres Foto darunter, nämlich eine amelanistische, leuchtend orangerot gefärbte Aspisviper, wobei offen bleibt, ob dieses Tier der Natur entstammt.

Die durch meist kurze, einfache Sätze insgesamt gut verständlichen Texte der Artkapitel sind in der Regel fundiert und sehr gut recherchiert. Wenige kleine Fehler lassen sich in einer Neuauflage leicht korrigieren, so z. B. die an manchen Stellen etwas „eigenwillige“ Kommasetzung oder auf S. 17, wo direkt nebeneinander zwei Schreibweisen für die Trugnatternbezahnung zu finden sind, nämlich opisthoglyph und opistoglyph (korrekt ist mit „th“, da sich das Wort von griech. „ópisthen“ = hinten ableitet). Ein lustiger Buchstabenverdreher findet sich ausgerechnet in der Danksagung zu Beginn des Buchs, wo sich der Autor bei seiner Frau für die jahrelange Tolerierung seiner oftmals fehlenden „Konservationsbereitschaft“ bedankt. Wobei nicht bestritten sei, dass eine Konservation (also Erhaltung) des Autors natürlich auch wünschenswert wäre ... Vergleichbares passiert mir als Froschforscher übrigens oft beim Versuch, das Wort „Forschung“ in den Rechner zu tippen – wie magisch erscheint dann immer „Froschung“ auf dem Bildschirm.

Am Ende des Buchs findet sich die sehr ausführliche Bibliografie, eine zweiseitige übersichtliche Tabelle mit einfachen Verbreitungsangaben zu den einzelnen Arten sowie – was mir gut gefällt – für jedes Land eine kleine Aufstellung der relevanten Literatur mit Verbreitungshinweisen. Schade dagegen ist, dass dem Buch ein alphabetischer Index fehlt und dass auch das Glossar recht knapp gehalten ist – Begriffe wie opisthoglyph oder solenoglyph sucht man z. B. vergebens. Dies soll aber keineswegs den guten Gesamteindruck des Buches schmälern, das Maßstäbe für die Darstellung der europäischen Schlangenfauna setzt. In der Tat finden sich hier die wichtigsten Informationen zu allen europäischen Arten westlich des Kaukasus – eine reife Leistung von Guido Kreiner. Erfreulich für die an der europäischen Fauna interessierten Herpetologen und Terrarianer außerhalb des deutschen Sprachraums ist, dass auch eine englische Version des Buches existiert.

Axel Kwet

Literatur

Gruber, U. (1989): Die Schlangen Europas und rund ums Mittelmeer. – Kosmos Naturführer, Frankh'sche Verlagshandlung Stuttgart, 248 S.

Publiziert in: REPTILIA, 70, 13 (2): 91–95



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