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15.02.05

Mimikry zwischen Eidechsen und Laufkäfern

Von: Schmidt, Almuth D.

Schmidt, Almuth D. (2004): Mimikry zwischen Eidechsen und Laufkäfern. – Frankfurter Beiträge zur Naturkunde Bd. 23, Edition Chimaira, Frankfurt am Main; 374 S., 83 Schwarzweißabbildungen, 48 Tabellen und 58 Farbfotos auf 12 Tafeln; geb. Ausgabe; ISBN: 3-930612-69-0; € 58,00.

Das hier zu besprechende Buch, das über die Mimikry-Beziehung einer lacertiden Eidechsenart zu zwei carabiden Laufkäfergattungen im Süden Afrikas berichtet, stellt die an der Universität Bremen eingereichte Doktorarbeit der Verfasserin dar.  Sie fußt auf einer relativ kurzen Arbeit der beiden berühmten amerikanischen Ökologen Raymond B. Huey und Eric R. Pianka, die diese 1977 im hoch renommierten Wissenschaftsjournal "Science" veröffentlicht hatten. Sie beschrieben dort den damals einzigartigen Fall, dass in einem Mimikry-System ein Wirbeltier zu seinem Schutz eine Wirbellosen-Art nachahmt; dass nämlich die Jungtiere der Wüstenrennerart Heliobolus lugubris die äußerst wehrhaften Laufkäfer der Gattungen Anthia und Thermophilum nicht nur in Farbe und Form, sondern auch in Bewegungsweise und Verhalten nachahmen! Da Huey & Pianka ihrer spektakulären Entdeckung keine weiteren und tiefergehenden Untersuchungen folgen ließen, wurde der gleichermaßen an Eidechsen und Käfern interessierten Studentin Almuth D. Schmidt seinerzeit der Vorschlag gemacht, dieses Thema aufzugreifen und es durch weitergehende Untersuchungen zu konkretisieren. Dies mündete zunächst in ihrer in Bonn eingereichten Diplomarbeit, der auch im vorliegenden Buch die Grafik auf Tafel 13 entstammt.

Im Zuge der darauf aufbauenden Doktorarbeit schlossen sich umfangreiche Haltungs- und Prädatorenexperimente an, die nun auch Gegenstand der ausführlichen Darstellung dieses bemerkenswerten Mimikry-Systems sind. Denn es galt ja zun klären, ob die drei "Partner" eines klassischen Mimikry-Systems, nämlich Vorbild, Nachahmer und Signalempfänger, das theoretisch zu erwartende Beziehungsgefüge auch tatsächlich zeigen, also ob die Jungtiere von Heliobolus lugubris, die die scharz-weiß gezeichneten Laufkäfer durch ihre ebenfalls schwarzen, weiß gezeichneten Körper (der Schwanz ist substratfarbig) und ihren "Buckellauf" hervorragend kopieren, damit tatsächlich potenzielle Fressfeinde beeindrucken können; also diejenigen Beutegreifer, die mit dem zielgenau verspritzten Verdauungs- bzw. Wehrsekret der großen Käfer bereits schmerzhafte Erfahrung gemacht haben. In Frage kamen hier vor allem kleinere räuberische Säugetiere, diverse Vögel und andere, größere Reptilien.

Almuth D. Schmidt hat ihre Dissertation nach klassischer Manier aufgebaut. Nach einer Einleitung beschreibt sie die Untersuchunngsgebiete für die Freilandstudien, die "Langjan" und die "Blouberg Nature Reserve" in Südafrika. Sodann widmet sie sich den Vorbildern im System, also den Laufkäfern der Gattungen Anthia und Thermophilum, zu denen sie außer taxonomischen Befunden auch zahlreiche Daten zur Ökologie und Populationsbiologie beisteuern kann. Dann folgt der Nachahmer des Systems, also der Wüstenrenner Heliobolus lugubris, zu dessen Ökologie und Biologie auch noch nie so viele wichtige Daten wie hier erhoben worden sind. Der Schwerpunkt liegt dabei natürlich auf den systemrelevanten Eigenschaften dieser bemerkenswerten Eidechsen, zum einen auf der Ontogenese mit dem Farbwechsel hin zur normalen Adultfärbung, sobald die Jungtiere der Größenklasse ihrer wehrhaften Vorbilder entwachsen, zum anderen auf der einzigartigen Verhaltensanpassung, wenn die jungen Eidechsen durch den charakteristischen Buckellauf auch die Bewegungsweise der Laufkäfer zu imitieren suchen. Dies ist in eindrucksvollen Fotos und Videoprints dokumentiert.

Der dritte Systemteilnehmer sind die Prädatoren, denen das nächste Kapitel gewidmet ist. Hier wird über experimentell angesetzte Interaktionen zwischen wehrhaftem Käfer oder imitierender Jungeidechse und einem potenziellen Beutegreifer berichtet, und zwar sowohl im Terrarium und/oder Zoogehege als auch im Freiland, in abgegrenzten Arenen unter natürlichen Bedingungen. Dabei zeigt sich, dass die im Gebiet vorkommenden Säuger und Warane als potenzielle Eidechsenjäger keine wichtige Rolle spielen, im Gegensatz zu acht Vogel- und acht Schlangenarten, die als die wichtigsten Prädatoren herausermittelt wurden. Schmidt konnte zeigen, dass den Jungeidechsen vor allem der Buckellauf, also die über die morphologische Käferimitation hinausgehende ethologische Nachahmung der Käfer, den besten Schutz gewährt.

Es ist klar, dass bei einer so umfangreichen Untersuchung, die sich in einem so umfangreichen Buchmanuskript niederschlägt, auch einige Fehler oder Auslassungen nicht ausbleiben können. Es ist sicher im Interesse von Verfasserin und Verlag, hier kurz darauf zu verweisen, damit eine eventuell einmal anstehende künftige Ausgabe (bei dieser Thematik und diesem wissenschaftlichen Anspruch eigentlich auf Englisch sinnvoller) davon profitieren kann. Da ist etwa die Aussage (S. 15), das bearbeitete Mimikry-System gewönne seine biologische Einzigartigkeit dadurch, dass hier ein Wirbeltier ein wirbelloses nachahmt. Dies stimmte zwar für die Zeit der Veröffentlichung von Huey & Pianka (1977), inzwischen hat jedoch Vitt (1992: Natn. Geogr. Res. Expl. 8) längst mehrere weitere Fälle aufgedeckt: Junge diploglossine Anguiden und kleinwüchsige Schlangen imitieren große Diplopoden, australische Wüstenskinke entsprechende Chilopoden; ein hier wichtiges Zitat, das der Verfasserin entging. Bei dem taxonomischen Kommentar zur generischen Zuordnung von Heliobolus lugubris (S. 111) stimmt nicht, dass Schtscherbak (1975: Katalog afrikanskich jaschtschurok, Kiew) die früher zu Eremias gestellte Art unter dem Lampreremias abgetrennt habe: Dieser Name und diese Abtrennung (als "section" von Eremias) stammten bereits von Boulenger (1887: Cat. Lizards Brit. Mus. III., London). Schtscherbak (1975; nicht 1974: in dieser Arbeit behandelt er nur die asiatischen Wüstenrenner) lupfte lediglich ihren Status von einer "section" (= Untergattung) zu einer vollen Gattung, was hier allerdings irrelevant ist, da Balletto (1968; schreibt sich mit Doppel-L) tatsächlich zeigte, dass der Name Heliobolus Fitzinger, 1843 hohe Priorität über Lampreremias Boulenger, 1897 hat. Egal, ob Heliobolus lugubris in seiner taxonomischen Historie auch einmal Eremias, Lampreremias, Mesalina oder ursprünglich Lacerta hieß: Der Namensautor von lugubris, Sir Andrew Smith (1838: Mag. Nat. Hist., ser. 2, 14), muss bei der heutigen Namenskombination auf jeden Fall in Klammern gesetzt werden (S. 111).

Eine weitere kleine taxonomische Korrrektur betrifft den in den Prädatorenexperimenten in Bonn benutzten Waran: Zwar ist es wie dort geschrieben ein Steppenwaran (S. 345), aber kein Varanus albigularis. Ersterer heißt Varanus exanthematicus, und das auf S. 350 (Taf. 10) abgebildete und dort dann plötzlich als Kapwaran bezeichnete Exemplar aus dem Vivarium des Museum Koenig ist klar ein echter V. exanthematicus westafrikanischer Provenienz. Letzterer, auf deutsch als Kap- oder Weißkehlwaran bezeichnet, ist dagegen auf den Bildern des Freilandexperiments (dieselbe Tafel, unten) in Südafrika zutreffend bezeichnet.        

Natürlich fallen diese wenigen Beispiele korrigierenswerter Details kaum ins Gewicht angesichts der großen Material- und Datenfülle dieser zwischen 1996 und 2004 entstandenen Dissertation. Ihre Publikation als deutschsprachiges Buch spricht für den verlegerischen Mut von Andreas S. Brahm (Ed. Chimaira), da bei dieser Thematik heutzutage sicher Englisch die ergiebigere Publikationssprache gewesen wäre. Wie dem auch sei (oder eventuell künftig noch werden wird), freue ich mich über den Abschluss der Arbeit und über die leichte Zugänglichkeit der publizierten Buchfassung, die in der bewährten Weise der "Frankfurter Beiträge zur Naturkunde" attraktiv ausgestattet ist. Die Widmung des Buches ("Für Michael") ist sicher mehr als berechtigt, hat doch Dr. Michael Gruschwitz als Freund und Förderer im Hintergrund die Hauptlast der Finanzierung dieser langjährigen Studien getragen. Inzwischen ist er, wie aus der Danksagung zu entnehmen, ihr Mann.

Apropos Danksagung. Zum ersten Mal in meiner über 30-jährigen herpetologischen Berufslaufbahn muss ich bei einer Buchbesprechung speziell die Danksagung einer kritischen Würdigung unterziehen, unangenehmerweise noch dazu in eigener Sache. Aber: Trotz all meiner Sympathie für die mir freundschaftlich verbundenen Bremer Kollegen Prof. Dietrich Mossakowski und Dr. Hakon Nettmann, die mit großer coleopterologischer und lacertidenkundlicher Kompetenz die Betreuung von Almuth D. Schmidts Arbeit übernommen haben, hätte ich den Hinweis der Verfasserin für angebracht gehalten, dass die geistige Urheberschaft der Themenstellung sowohl für die vorausgegangene Diplomarbeit als auch für die angeschlossene Doktorarbeit zu 100 % in Bonn liegt. Auf die Nennung an 13. (!) Position, gemeinsam mit Herrn Kollegen Prof. Nogge vom Kölner Zoo Versuchstiere (nämlich den o. a. Steppenwaran) zur Verfügung gestellt zu haben, hätte ich gerne verzichtet. In der Danksagung ist also offenbar das Thema Mimikry so sehr verinnerlicht worden, dass hier ein Signal abgesetzt wurde, durch welches der Leser, quasi der "Prädator" des Buches, in diesem Punkt tatsächlich getäuscht werden könnte. Mein abschließender Satz aber sollte – davon unabhängig – Positives ausdrücken: Freude, dass diese so spannende Untersuchung durch das vorliegende Buch zu einem guten Ende und zu bemerkenswerten Ergebnissen gekommen ist.

Wolfgang Böhme

Publiziert in: DRACO, 6 (1), 21: 89–90



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